Yoga in der Schwangerschaft ist ein großes Geschenk – Interview mit Hebamme & Yogalehrerin Julia

Julia Wiedemann

Yoga in der Schwangerschaft ist ein großes Geschenk

Julia Wiedemann ist nicht nur Hebamme sondern auch Yogalehrerin. Beides verbindet sie in ihrer Hebammenpraxis in Kempten im Allgäu. Ich habe Julia bei einem Yoga-Workshop in den Allgäuer Bergen kennen gelernt und war sofort von ihrem großen Wissen und ihrer offenen und herzlichen Art begeistert – sie hat ein total mitreisendes sympathisches Lachen und bereits Erfahrung als Hebamme in Guatemala gesammelt. In ihrer Praxis gibt es neben der Betreuung von Frauen rund um die Geburt auch Yogakurse für Schwangere und Yoga zur Rückbildung – außerdem bietet sie Fortbildungen für Yogalehrer an.

Yoga in der Schwangerschaft

Liebe Julia, Du bist seit 2006 begeistere Yogini. In Deiner Hebammenpraxis bietest Du erfolgreich Yoga an. Warum sollten alle Schwangeren Yoga machen?

Julia: Yoga in der Schwangerschaft ist ein großes Geschenk, weil es so vieles zusammen bringt, was für Schwangere und die Kinder wichtig ist. Es tut gut, sich durchzubewegen, Muskeln zu kräftigen, die in der Schwangerschaft besonders viel arbeiten müssen und gleichzeitig Muskeln zu dehnen, die unter der Geburt nachgeben sollen. Yoga schafft außerdem einen Raum, um Verbindung zum Kind herzustellen, ins Fühlen und Wahrnehmen zu kommen und um eine Fokussierung auf den Atem zu lernen. In meinen Kursen mache ich auch extra Stunden, in denen wir in den Asanas Wehenatmen üben – das Feed-Back dazu ist sehr gut. Die Frauen können das unter Wehen dann gut wieder abrufen.

Wie muss ich mir das mit der Wehenatmung genau vorstellen?

Julia: Wir üben im Rahmen des Kurses ganz gezielt, was für das “Ver-atmen” einer Wehe essentiell ist: die Atemlenkung und die Atemverlangsamung. Mit verlangsamten Atem kann man sich in 4-6 Atemzüge durch die Wehe atmen, die etwas länger als eine Minute ist. Ich stoppe die Zeit in Yin Yoga Positionen z.B. der Taube und die Frauen konzentrieren sich ganz fokussiert auf den Atem. So erlernen sie das Handwerkszeug, das sie während der Geburt unterstützen kann.

Muss ich viel Yoga machen – oder schon vor der Schwangerschaft Yoga gemacht haben – damit mir die Übungen etwas bringen?

Julia: Nein, Yogaerfahrung ist keine Voraussetzung, um Yoga in der Schwangerschaft zu praktizieren. Ich habe in meinen Kursen hauptsächlich Anfängerinnen. Das ist kein Problem, weil die Asanas sowieso oft anders geübt werden. Vieles wird modifiziert, je nach Woche und eben Erfahrung. Je öfter die Schwangere Yoga übt, desto besser – aber auch einmal in der Woche tut schon gut und bringt was. Yoga soll ja keinen Druck machen oder Stress verursachen!

Gibt es einen Yoga-Trend in der Geburtsvorbereitung?

Julia: Nein, das glaube ich nicht. Yoga ist sogar in vielen Geburtsvorbereitungskursen gar kein Thema. Ich selber kombiniere Hatha-Yoga mit Yin-Yoga.

Die Verbindung zwischen Mutter und Kind ist elementar sowohl für die Schwangerschaft als auch für die Geburt

Warum ist es wichtig sich Zeit zu nehmen, in Verbindung zum eigenen Kind zu treten?

Julia: Die Verbindung zwischen Mutter und Kind ist elementar sowohl für die Schwangerschaft als auch für die Geburt. Wer sonst soll wissen, wie es dem Kind geht, wenn nicht die Mutter?
Den Schwangeren wird genau diese Fähigkeit oft abgesprochen, aber wir dürfen uns dieses Geschenk nicht nehmen lassen. All die Technik und Medizin kann genau diese Verbindung zwischen Frau und Kind nicht ersetzen, ich muss in Kontakt sein mit meinem Baby, um zu wissen, was ist jetzt gerade gut für uns. Das gilt natürlich erst recht für die Geburt – wenn eine Verbindung da ist, kann ich mit Vertrauen reingehen.

Dauerstress ist auch für die Kinder sehr ungesund

Was rätst Du Schwangeren und Müttern die wenig Zeit im Alltag haben?

Julia: Es ist nicht unbedingt wichtig, viel Zeit zu haben, sondern sich bewusst kleine Momente oder Pausen zu nehmen, in denen ich zur Ruhe komme. Dauerstress ist auch für die Kinder sehr ungesund, das ist mittlerweile gut erforscht. Es wäre also schon gut, sich immer mal wieder ein paar Minuten im Alltag zu gönnen – dann reicht es schon, die Hände auf den Bauch zu legen und tiefe Bauchatmung zu üben. Vielleicht lassen sich auch Sonnengrüße in den Alltag einbauen, auch da ist mit 10 Minuten schon viel gewonnen. Es geht darum, sich selbst wichtig genug zu nehmen, um kleine Momente mit dem Kind in den Alltag einzubauen – es geht nicht um die Dauer.

Eine Frage die Deine beiden Disziplinen verbindet: Ist der Beckenboden das gleiche wie Mula Bandha – der Wurzelverschluss  – der für die Asana  und Pranayama-Praxis wichtig ist?

Julia: In meinen Augen ist der Beckenboden die anatomische Struktur, das „grobstoffliche“ – Mula Bandha dagegen ist was energetisches, das „feinstoffliche“. Mula Bandha sitzt am Perineum (Damm), hier vereinigen sich die 3 Schichten des Beckenbodens, das heißt, wenn ich mit Mula Bandha arbeite, arbeite ich natürlich auch mit dem Beckenboden, aber es geht – anders als in der Rückbildung zum Beispiel – um eine feinere Arbeit damit. Ich kann hier Energie nach innen lenken bzw. halten – eine sanfte Arbeit damit kann für Schwangere durchaus bereichernd sein. Dafür braucht es allerdings Yogaerfahrung, ich würde in meinen Kursen mit vielen Yoganeulingen nicht mit Bandhas arbeiten.

Wenn die Frauen dann Mütter geworden sind, kommen sie wieder zur Rückbildung in Deine Praxis. Wo liegt hier der Fokus beim Yoga?

Julia: In der Rückbildung liegt der Fokus natürlich auf dem Beckenboden. Der wird gekräftigt, gespürt, aufgebaut über die Muskulatur, die mit dem Beckenboden vernetzt ist, das heißt Rücken-, quere Bauch-, Oberschenkel-, Hüft- und Pomuskulatur.
Diese Muskeln stehen direkt in Verbindung oder sind sog. Hilfsmuskulatur. Wichtig ist der Aufbau einer guten Haltung – Tadasana also – ebenso wie Standhaltungen und Balancen. Genauso wichtig ist es, Schultern, Nacken und Rücken zu dehnen und zu entspannen. Letztendlich ist es auch in der Rückbildung wichtig, alle großen Muskelgruppen und alle Körperteile in einer Stunde abzudecken, damit sich die Frauen danach „rundherum“ gut fühlen 🙂
Und ganz wichtig für die müden Mamas ist natürlich Yoga Nidra!

Yoga ist für mich wie ein Freund: immer da, wenn man es braucht, nicht beleidigt, wenn man sich mal nicht meldet und immer wohltuend!

Du bist vielbeschäftigt und häufig unterwegs. Bleibt da noch Zeit für Yoga?

Julia: Meine eigene Yogapraxis sieht jeden Tag anders aus und hat sich über die Jahre auch immer wieder stark verändert. Im Moment meditiere ich mehr als dass ich Asanas übe. Ansonsten kombiniere ich Vinyasa Yoga mit Yin Yoga… je nachdem, was ich brauche, auf was ich Lust habe und wie viel Zeit ich habe. Aber Yoga ist auf jeden Fall ein großer Bestandteil meines Lebens – da geht es aber auch um das Mentale, die Philosophie, die mich im Alltag begleitet. Das hört sich vielleicht komisch an, aber ich kann wirklich sagen, dass Yoga mein Leben verändert hat. Es hat so viel bewegt in mir, dass es nicht wegzudenken ist. Das kann ich eigentlich allen Menschen nur wünschen. Yoga ist für mich wie ein Freund: immer da, wenn man es braucht, nicht beleidigt, wenn man sich mal nicht meldet und immer wohltuend!

Vielen Dank, liebe Julia für Deine Offenheit! Wenn Du mit Julia Yoga üben willst, dann findest Du hier mehr über ihre Arbeit.


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