Werde zur Meisterin Deines Beckenbodens!

Beckenboden

Der Beckenboden – ein Ort voller Mysterien…
Nein – im Ernst. Spätestens bei der Schwangerschaft hören die meisten Frauen von den drei Muskelschichten die aufgespannt im Becken liegen.
Als Yogi bist Du sicher auch schon Kontakt mit deinem Beckenboden gekommen, wenn Dein Yogalehrer davon spricht “Mula Bandha” zu aktivieren.
Was Du wirklich über dieses “Energiezentrum” in Deinem tiefen Becken wissen musst, erfährst Du im Interview mit der Expertin Sarah Lucke.

Sarah Lucke ist Expertin für´s  “entspannte Beckenbodentraining”

Beim Blättern in einer Fachzeitschrift für Yoga stieß ich auf einen Artikel über den Beckenboden und die Buch-Autorin Sarah Lucke. Weil ich weiß, dass Sarah ebenfalls über Yoga bloggt, habe ich sie kontaktiert und ihr ein Paar Fragen über den Beckenboden gestellt.

Sarah Lucke

Liebe Sarah, du bist Yogalehrerin (BDY/EYU), Mutter, Autorin und so vieles mehr – wie Du Dich selbst auf Deinem Blog “om-site.com” beschreibst.
Außerdem bist Du Expertin auf dem Gebiet des “Beckenboden” – in Deinem Buch “Beckenboden-Yoga entspannt. Erdung, Kraft und erfüllte Sexualität” hast Du Dich völlig diesem Thema gewidmet.

Beckenboden Sarah Lucke

Sarah Lucke: Liebe Antje, vielen Dank für deine Einladung zum Interview! Das Thema Beckenboden wird doch meistens zu wenig beachtet, obwohl es vielen Menschen helfen könnte, darüber ein wenig mehr Bescheid zu wissen. Ganz besonders wichtig ist das Thema natürlich für Mamas und Yogis!

Was mich als Allererstes interessiert: Warum taucht das Thema Sexualität gleich im Titel mit auf? Der Beckenboden hat viele Funktionen und gehört auch um Geschlechtsakt dazu – aber was hat das mit Yoga zu tun?

Ich finde den Unterschied zwischen Yoga und Sex eigentlich gar nicht so groß

Sarah: Ganz ehrlich: Sex sells, das Thema interessiert doch fast jeden. Das ist der eine Grund, warum es gleich im Titel mit auftaucht. Abgesehen davon sind Titel und Coverbild / Gestaltung Sache des Verlags. Aber man braucht ja nicht vorenthalten, dass sich Beckenboden-Yoga positiv auf die Sexualität auswirken kann – obwohl es für mich nicht in erster Linie darum geht. Mir geht es vor allem um das Tor zur Erdkraft, das wir im Beckenboden finden und um seine Bedeutung für die Befreiung unseres Zentralkanals, der uns mit Himmel und Erde verbindet. Aber das Thema Sexualität ist auch wichtig und es ist ja so viel mehr als nur der reine Geschlechtsakt – für mich hat es mehr mit Yoga zu tun als mit Fortpflanzung. Ich finde den Unterschied zwischen Yoga und Sex eigentlich gar nicht so groß. Sowohl im körperbezogenen Hatha-Yoga als auch beim Sex geht es doch um intensives Wahrnehmen, Spüren, Atmen, Energien fließen lassen, um Heilung, Liebe und Freude. Und gerade beim Yoga des Herzens, den ich auch unterrichte, geht es um das Erleben einer innigen Intimität – mit sich selbst. Das ist zwar ganz ohne jeglichen Bezug zur Sexualität, aber Sexualität ohne Intimität und ein offenes Herz ist einfach nur Triebbefriedigung und man verpasst das Mysterium und die tiefe Erfüllung der ganzen Sache. Hatha-Yoga entstammt in der Regel tantrischen Traditionen, die eben über den Körper die große Befreiung suchen.

Wie ist das mit dem Beckenboden denn auf energetischer Ebene? In Deinem Buch schreibst Du, dass der Beckenboden mit Muladhara und Svadistana Chakra korrespondiert. Wie sieht es mit Mula Bandha aus? Ist “den Beckenboden anspannen” das Gleiche wie “Mula Bandha zu aktivieren”?

Richtig ausgeführtes Mula Bandha braucht Übung und Feingespür

Sarah: Im Grunde ja. Dabei gilt es aber zu beachten, dass man auch weiß, was „Beckenboden anspannen“ bedeutet. Die meisten spannen ihn dann nämlich zu fest und zu wenig differenziert an. Es ist wichtig, ein feines Gespür für den Beckenboden zu entwickeln und seine 3 Schichten differenziert und fein anspannen bzw. loslassen zu können. Erst dann erhält Mula Bhanda seine positive Qualität ohne durch Verspanntheit Energien zu blockieren. Richtig ausgeführtes Mula Bandha braucht Übung und Feingespür.

Die Wechselwirkung von Psyche und Beckenboden ist Vielen sicher nicht auf den ersten Blick völlig klar. Welche persönlichen Erfahrungen hast Du gemacht, die Dich diesen Zusammenhang haben spüren lassen?

Wenn ich aus meiner Mitte falle oder mich geschwächt fühle, fühlt sich auch mein Beckenboden geschwächt an. Wenn ich gestresst bin, reagiert auch mein Beckenboden mit Verspannung

Sarah: Am eindrücklichsten habe ich das in meiner zweiten Schwangerschaft erfahren. Ich war so etwa im 5. oder 6. Monat schwanger und psychisch sehr zerfasert, einfach überhaupt nicht in meiner Mitte. Und mein gesamter Beckenraum inklusive Beckenboden war in einem so üblen Zustand, dass ich nur mit Schmerzen gehen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass mein Becken auseinander fällt und mein Beckenboden die Last meines Babies unmöglich weiter aushalten könne. Dann habe ich mich zu einem 10-tägigen Vipassana-Schweigeretreat angemeldet. 10 Tage lang habe ich nur meditiert. Und schon nach 3 Tagen war ich beschwerdefrei – ich fühlte mich wieder in meiner Mitte und meinem Beckenboden ging es plötzlich auch wieder super. Er hat dann ganz prima die Aufgabe übernommen, mein Becken zusammenzuhalten und mein Baby zu tragen. Die Schwangerschaft verlief dann völlig problemlos.
Das war für mich der Schlüsselmoment, den Zusammenhang von Psyche und Beckenboden weiter zu beobachten. Und es hat sich mir immer wieder bestätigt: Wenn ich aus meiner Mitte falle oder mich geschwächt fühle, fühlt sich auch mein Beckenboden geschwächt an. Wenn ich gestresst bin, reagiert auch mein Beckenboden mit Verspannung. Interessant ist auch: Wenn ich körperliche Verletzungen sehe oder davon höre, spüre ich eine Reaktion in meinem Beckenboden. Hier zeigt sich auch wieder die Verbindung mit dem Wurzelchakra, in dem es ja sehr um Sicherheit und körperliche Unversehrtheit geht.

Euer Beckenboden braucht nach der Geburt viel Liebe!

Der Beckenboden hat viel Arbeit zu tun – vor allem in Schwangerschaft und Geburt.
Welchen Tipp kannst Du jeder Frau geben, wenn es um die Rückbildung des Beckenbodens geht?

Sarah: Kümmert euch unbedingt um die Rückbildung und geht zu einem Rückbildungskurs! Außerdem braucht euer Beckenboden nach der Geburt viel Liebe – die könnt ihr ihm z.B. mit einer regelmäßigen Meditation auf den Damm geben. Hier findet ihr eine Anleitung: http://om-site.com/meditationsuebung-erdung-beckenboden/. Damit stärkt ihr auch das Bewusstsein für den Beckenboden, um ihn in den Alltag miteinzubeziehen und zu schützen. In die Yogapraxis sollte der Beckenboden immer miteinbezogen werden – einerseits als wichtiger Schutz, andererseits als Training. Ganz wichtig ist, erst den Beckenboden zu kräftigen, bevor man Übungen mit den Bauchmuskeln macht – sonst geht der gesamte Bauchraumdruck auf den Beckenboden und schwächt ihn. Das kann auch erst später nach den Wechseljahren zu einem riesigen Problem mit Gebärmuttervorfall etc. werden.
Es ist übrigens auch schon in der Schwangerschaft wichtig, dass Bewusstsein für den Beckenboden zu stärken und ihn von Verspannungen zu befreien.

Und was sollte jeder Yogi und jede Yogini in der Praxis beachten, wenn es um den Beckenboden geht?

Ganz wichtig ist auch, dem Beckenboden nach aktiven Phasen immer Ruhephasen einzuräumen

Sarah: Das Wichtigste: Mula Bandha in Rückbeugen und kraftvollen Haltungen grundsätzlich aktivieren (Damm einsaugen und das Steißbein in die Länge ziehen).
In vielen Asanas kann man mit der Intensität der Beckenbodenspannung experimentieren – viel hilft nicht immer viel und ist manchmal auch kontraproduktiv. Generell ist die Devise bei der Tiefenmuskulatur und dem inneren Faszienschlauch, der sie beherbergt: So viel Anspannung wie nötig und so wenig wie möglich. Bei Rückbeugen, Kraftübungen und Bauchübungen würde ich aber grundsätzlich lieber zu viel als zu wenig anspannen, da man sonst der Wirbelsäule oder dem Becken schaden kann. Ganz wichtig ist auch, dem Beckenboden nach aktiven Phasen immer Ruhephasen einzuräumen, in denen es nur ums Loslassen geht. Z.B. während einer sitzenden oder liegenden Vorbeuge nach einer Rückbeuge oder einer sanften Umkehrhaltung wie gestütztes Vikariat Karani. Ananada Balasana oder Balasana sind auch wunderbar – Hauptsache, der Atem darf tief ins Becken fließen.

Warum gehört für Dich auch das Chanten von Mantras zum Beckenboden-Yoga dazu?

Sarah: Für mich gehören Mantras zum Yoga generell dazu. Inwieweit das nun jeder für sich übernimmt, bleibt ihm ja überlassen. Die Klangschwingungen der Mantren haben eine unglaublich positive Wirkung auf Körper, Geist und Seele. Das Bija-Mantra „LAM“ öffnet das Wurzelchakra und seine Vibration im Beckenboden löst Verspannungen. Da mein Beckenboden-Yoga sehr meditativ ausgerichtet ist und die feinstofflichen Körper miteinbezieht, gehört es in jedem Fall dazu. Auch in den Beckenboden zu summen ist wunderbar lösend und öffnend.

Wie bereits erwähnt, bist Du selbst zweifache Mama und Yogalehrerin. Familienalltag, Berufsleben und Yogapraxis ist manchmal ganz schön schwer zu vereinbaren, oder? Welchen Weg hast Du für Dich gefunden, um an der Praxis dran zu bleiben?

Sarah: Es ist nicht einfach, aber meistens doch möglich. Ich habe dem Yoga immer eine sehr hohe Priorität eingeräumt und so habe ich es mir selbst immer irgendwie ermöglicht. Für mich war von Anfang an klar, dass Familie, Yoga/Meditation und berufliche Erfüllung nebenher gehen müssen. Vor allem Familie und Yoga – also Zeit in Liebe mit meiner Familie und auch mit mir alleine, der Beruf darf meiner Meinung nach ruhig etwas hinten anstehen. Ich verbringe seit 15 Jahren in der Regel 1-2 Stunden täglich nur mit meiner eigenen Praxis. Jetzt, wo die Kinder in die Schule gehen, ist das nur selten ein Problem. Als die Kinder noch ganz klein waren, habe ich einfach die Zeit genutzt, wenn sie geschlafen haben. Aber es gab auch Zeiten, da musste ich mir anderweitig Freiraum schaffen und andere Menschen bitten, auf mein Kind aufzupassen. Ein wenig Yoga geht immer auch mit Kind (Sogar Stillen kann und sollte ja auch eine sehr meditative Praxis sein), aber nur in begrenztem Maße. Denn mir ist es ja wichtig, in meiner Praxis ganz bei mir selbst anzukommen. Wenn es nur um Körperübungen geht: das geht auch wunderbar mit Kind.

 

Sarah LuckeWillst Du noch mehr über Sarah erfahren?
Sie ist Mutter von zwei Mädchen, zertifizierte Yogalehrerin BDY/EYU und Autorin. Seit Ende 2012 lebt sie mit ihrer Familie im Wendland. Sie schreibt regelmäßig auf ihrer Internetseite om-site.com über Yoga, Meditation und Philosophie und ist Autorin des Buches “Beckenboden-Yoga entspannt” mit Übungs-CD. Sarah leitet regelmäßig Workshops, Yoga – und Delfinreisen sowie individuelle Yoga-Coachings.
Auf Facebook ist sie natürlich auch zu finden.

Vielen herzlichen Dank für das Interview!

 

Übrigens: Weitere sehr interessante Artikel zum Thema “Be the boss of your pelvic floor”  findest Du bei momazing.de.
Kathrin hat dem Beckenboden mit weiteren Expertinnen eine ganze Woche auf ihrem Blog gewidmet. Schau unbedingt mal bei ihr vorbei!

 

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