Schöner Hängebusen – oder – Ich bin nicht dieser Körper

Nicht dieser Körper

Die Identifikation mit dem Körper ist zwecklos. Sagt die Philosophie des Yogas.
Sich nicht mit dem Körper zu identifizieren ist ein schweres Unterfangen.
Vor allem wenn Du mit Deiner äußeren Form unglücklich bist.

Mich beschäftigt dieses Thema gerade sehr. Ich stille immer weniger und mein Körper reagiert auch auf die hormonelle Umstellung. Gleichzeitig sind da auch noch die Veränderungen durch die Zeit der Schwangerschaft. Stehe ich vor dem Spiegel, dann bin ich unglücklich. Meine Haut ist nach der Geburt immer unreiner geworden. Die Haare sind erst ausgefallen, jetzt wachsen sie nach und an den Schläfen sprießen kleine Haarbüschel. Mein Bauch ist zwar wieder flach, aber irgendwie fühlt sich alles noch so weich an. Meine Fußmuskulatur hat gelitten. Und durch das Stillen ist auch nichts mehr so wie es mal war.

Bin ich schön?

Auch wenn Du völlig zufrieden mit Deinem äußeren Erscheinen bist. Auch wenn Du auf Deiner Yogamatte stets eine gute Figur machst. Wenn diese Gedanken da sind, ist das gleichbedeutend mit der Identifikation Deiner Person über den Körper.

Ist ja auch einfacher, schließlich ist unser Körper, das was andere zuerst von uns zu sehen bekommen. Wir können es anfassen, mit unserem Körper etwas tun. Wir können vielleicht einfacher ein Paar Pfunde verlieren, als eine schlechte Angewohnheit loszuwerden. Wir können Andere mit unserem Aussehen überzeugen. Heißt es nicht immer, schöne Menschen haben in Vorstellungsgesprächen die besseren Chancen? Unser Körper ist für uns ein wenig wie ein Zuhause, im Idealfall ist er vielleicht unser Tempel. Wir behandeln ihn gut, pflegen ihn, tun Dinge für seine Gesundheit. Wir fühlen uns von schönen Menschen angezogen, wollen einen gut aussehenden Partner, adrett gekleidete Kinder und tun viel dafür, mit unserem Äußeren zu überzeugen.

Spieglein, Spieglein an der Yogastudio-Wand

In einem Yoga-Workshop mit Bryan Kest konnte ich das einmal gut beobachten: Die Yoginis mit Abend-Make up und die schlanken Waden in den neuesten Leggings, Push-up Bra und schickem Spiri-Bling-Bling versammelten sich im Raum. Die Hände und Füße frisch manikürt und alles darauf abgestimmt, den eigenen Körper zu präsentieren. Mich selbst im Übrigen eingeschlossen – schon klar, dass ich jetzt nicht mit H&M Leggings und Renovier-Shirt zum Yoga-Workshop gegangen bin, oder?

Und wird uns denn nicht auch überall signalisiert, dass wir es nötig haben? Das wir eben nicht perfekt sind? Das unser Äußeres wichtig ist? Das ein dicker oder ungepflegter Mensch eben nicht genau so viel Wert ist, wie ein hübscher, schlanker Mensch? Wohl Keine von uns steht vor dem Spiegel und sagt: “Toll, dieser Hängebusen. Man darf ruhig sehen, dass ich drei Kinder gestillt habe.” Oder “Schön, dieses Winkefleisch – ich hätte gerne mehr davon.”
Dabei sind wir selbst meistens unser härtester Kritiker.

Unser Körper: Tempel, Fahrzeug, Projektionsfläche

Während der Yogalehrer-Ausbildung habe ich gelernt, dass wir nicht unser Körper sind. Das da etwas Höheres und Göttliches in uns ist, völlig unabhängig von unserer Form. Der Körper ist nur das Fahrzeug, mit dem wir unterwegs zu unserem nächsten Leben sind.
Nicht nur im Hinduismus wird diese Philosophie vertreten, auch im Buddhismus bedeutet das Anhaften an Objekten und somit auch unserem Körper nur Leid.
Dieser Gedanke ist hilfreich, aber dennoch nicht einfach in der Umsetzung. Denn darum geht´s natürlich, auch das zu tun was man predigt. Fällt einem das Konzept der Nicht-Identifizierung mit dem Körper schwer, dann erinnere Dich stattdessen an das Konzept der “Inneren Werte” die zählen.

Ich bin innen schön. Du auch.

Okay, halten wir fest: Es tut gut uns unserem Körper auch einmal zu widmen, wir sollten unseren Mitmenschen respektvoll gegenüber sein und uns regelmäßig waschen, Deo verwenden und in die Yogastunde mit gepflegten Füßen gehen.
Nichts desto trotz, sollten wir verinnerlichen, dass nichts von unserem äußeren Erscheinen darüber entscheidet, wer wir in unserem tiefsten Inneren sind. Ja, ich habe ein Kind bekommen, das sieht man. Aber ich bin an diesem Prozess auch gereift, habe Neues gelernt und mich weiterentwickelt. Das ist ziemlich schön, also von innen schön.
Am fruchtbarsten wird diese Erkenntnis, wenn wir so mit unseren Mitmenschen umgehen. Und an uns können wir das auch gut üben.

Was denkst Du darüber? 

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