“Trau Dich, zu Dir und Deinen Gefühlen zu stehen!” – Interview mit Yogalehrerin, Model & Mutter Ranja Weis

Ranja Weis

Bestimmt kennst Du Ranja Weis: als Model steht sie immer wieder für Yoga Journal, Yoga Aktuell, das Label OGNX oder verschiedene Buchproduktionen vor der Kamera.
Als Yogalehrerin, mit dem Schwerpunkt auf Yin Yoga und Yoga Nidra, unterrichtet sie gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Dr. Patrick Broome auf Workshops, Retreats, Festivals, online bei Yogaeasy.de und Konferenzen und selbstverständlich in ihren Münchner Yogastudios.

Doch das ist nicht das einzige gemeinsame Projekt der Beiden – denn seit letztem Jahr sind sie Eltern von Coco.
Ich freue mich sehr, dass ich Ranja ein paar Fragen über´s Mama- und Yogini-Sein stellen durfte! Und ihre Antworten stehen für mich für ein ganz wichtiges Statement: Trau Dich zu Dir und Deinen Gefühlen zu stehen – ob als Yogalehrerin oder als Mutter!

Ranja Weis

Fotocredit: OGNX 

Liebe Ranja,
Du bist Ende Mai 2016 Mama der kleinen Coco Alani geworden. Herzlichen Glückwunsch!
In der Zeit der Schwangerschaft verändert sich der Körper kontinuierlich. Auch die Yogapraxis wandelt sich in diesem Prozess.
Wie hat sich die Schwangerschaft auf Deine Yogapraxis ausgewirkt? Gab es Herausforderungen in dieser Zeit und konnte Yoga Dir dabei helfen?

Ranja: Die Schwangerschaft hat meine Yogapraxis sehr verändert.
Der Yin-Aspekt ist mehr in den Vordergrund gerückt, weil es wichtig ist, dass der Körper weich wird. Da ist muskuläre Anspannung, vor allem das Setzen von Bandhas, im Hinblick auf die Geburt eher kontraproduktiv.
Ohnehin sind aus meiner Sicht die meisten Formen des modernen Hatha Vinyasa Yoga nicht optimal für den Körper und das Wesen einer Frau, da sie die männlichen Anteile mehr stärken als die Weiblichen. Das Yin Yoga so populär geworden ist, halte ich für eine der heilsamsten Entwicklungen in den letzten Jahren. In der Schwangerschaft habe ich das kraftvolle Üben dann mehr und mehr durch Kundalini Yoga und ausgedehnte Spaziergänge ersetzt.
Es gibt ein sehr gutes Buch von Gurmukh (Bountiful, Beautiful, Blissful), in denen effektive Übungen beschrieben sind, die z.B. bei Schlafproblemen und anderen Themen die in der Schwangerschaft auftreten, hilfreich sind.
So etwas ist Gold wert, denn schwanger zu sein ist eine unglaubliche Reise, die mitunter heftig und konfrontierend sein kann, auf allen Ebenen. Da ist jede Art von spiritueller Praxis sinnvoll, Meditation, Singen, Rezitieren usw. Alles was dabei hilft, zur Ruhe und bei sich selbst anzukommen.

Schwanger zu sein ist eine unglaubliche Reise, die mitunter heftig und konfrontierend sein kann, auf allen Ebenen

In Deinem Interview mit OGNX hast Du ganz offen davon erzählt, dass Du nach der Geburt Schwierigkeiten mit Rücken- & Gelenkschmerzen und Depressionen auf Grund der Hormonumstellung zu kämpfen hattest. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie dankbar ich Dir (auf Grund meiner eigenen Erfahrung) dafür bin, dass Du ansprichst, das wir Frauen nach der Geburt nicht unbedingt die “rosa-rote” Brille aufhaben müssen.
Was möchtest Du Mamas, die Ähnliches erleben, raten?

Ranja: Vor allem mit sich selbst und anderen ehrlich zu sein. Ich war in einigen Krabbelgruppen, und habe jedes Mal erlebt, dass ein erleichtertes Aufatmen durch den Raum ging, wenn sich eine Mami getraut hat, zu sagen wie es ihr wirklich geht. Mit welchen Schwierigkeiten sie sich konfrontiert sieht und wie verzweifelt sie manchmal ist. Ich habe vor allem in dieser Zeit gelernt, zu mir zu stehen und Dinge auszusprechen, die mir auf dem Herzen liegen. Auch wenn ich Angst hatte blöd dazustehen. Dadurch sind viele schöne Momente entstanden, und vor allem Kontakt. Und der ist grade in dieser Zeit so wichtig. Man sagt immer, um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Aber nicht nur die Kinder brauchen es, die Mütter auch!

Es ist sehr wichtig für uns Mütter, zu verstehen, wer wir sind und was wir brauchen

Als Yogalehrerin und Model für verschiedene Produktionen warst Du bisher immer viel unterwegs. Gönnst Du Dir eine “Auszeit vom Job” oder bist Du schon wieder “Back in Business”? Und wie organisierst Du Auszeiten zum Beispiel für die Yogapraxis für Dich?

Ranja: Ich unterrichte momentan 2 Yin Yoga Stunden in unserem Studio City in München und begleite Patrick zu Konferenzen und Retreats, wo ich auch immer einige Klassen gebe. Mir tut das sehr gut und ich brauche diesen Ausgleich zu meinem Alltag mit Baby. Ich sehe mich nicht nur als Mami, ich möchte auch als Yogalehrerin das Gefühl haben, etwas dazu beizutragen, dass diese Welt ein klein wenig besser wird. Yoga sollte vor allem dabei helfen, sich zu spüren und Achtsamkeit und Mitgefühl zu entwickeln. Dann wären viele der schrecklichen Dinge, die in dieser Welt geschehen, nicht möglich. Und wir müssten kein so schlechtes Gewissen haben, sie unseren Kindern zu hinterlassen.
Ich denke dass es sehr wichtig ist für uns Mütter, zu verstehen, wer wir sind und was wir brauchen, damit es uns gut geht. Nur dann können wir auch wirklich für unsere Familie da sein. Und da sind die Unterschiede groß. Die einen gehen voll in der Kindererziehung auf, die anderen brauchen nebenbei noch etwas anderes das sie erfüllt. Und alles ist in Ordnung, solange die Kinder die liebevolle Zuwendung bekommen die sie brauchen.

Auf Deinem Instagram-Profil lese ich immer wieder sehr ermutigende und ehrliche Worte von Dir. Von welchen Glaubenssätzen müssen wir Mütter uns lösen?

Ranja: Vor allem davon dass andere irgendetwas besser wissen, selbst wenn sie Mütter sind oder Hebammen oder Doktortitel haben. Jede Mutter-Kind-Beziehung ist einzigartig und wenn wir einigermaßen mit uns verbunden sind, spüren wir genau was für uns und das Kind passt und was nicht. Da gibt es keine Schablone die man auf alle anwenden kann. Wie oft habe ich den Satz gehört “alle anderen Mütter machen das auch so” oder ähnliches. Ob in Sachen Stillen, Füttern oder Impfen: immer wenn ich mein Gefühl habe entscheiden lassen, auch gegen den Rat anderer, hat es sich als richtig erwiesen.

Man kann auch Mantren singen während des Windelwechselns

Du bist zum Yoga über das Erlebnis einer schematischen Zeremonie gelangt. Wo lebst Du Spiritualität in Deinem Alltag als Mutter? Habt ihr besondere Rituale für eure Familie?

Ranja: Ich dachte früher immer, dass ich ein spirituelles Leben führen muss um mich als Mensch weiterzuentwickeln. Ich habe mich in alles mögliche hineingestürzt: mehrere 10-tägige Vipassana Retreats, lange Aufenthalte bei Schamanen im Amazonasgebiet, zwei Lichtnahrungsprozesse nach Jasmuheen, Kriya-Yoga-Einweihung, und sowieso unglaublich viel Yoga und alle möglichen Arten von Workshops und Seminaren. Dafür habe ich gelebt. Aber ich bin mit einigen Themen einfach nicht weiter gekommen. Vielleicht weil die Notwendigkeit nicht wirklich da war. Doch seit der Schwangerschaft und vor allem seit der Geburt unserer kleinen Maus, die ich über alles liebe, hat sich unglaublich viel getan. Ich habe viel mehr Bewusstsein für meine blinden Stellen bekommen, und gerade weil es jetzt nicht mehr nur um mich geht, ist der Wille da, die alten Wunden zu heilen, und die damit verbundenen Verhaltensweisen zu ändern. Ich gehe regelmäßig zu einer großartigen Therapeutin, die mich sehr verständnisvoll auf diese blinden Flecken aufmerksam macht, und ich kann mich dadurch viel besser verstehen und annehmen als je zuvor. Meine spirituelle Praxis hat sich im Vergleich zu früher drastisch reduziert, aber ich bin, wenn mich meine Selbstwahrnehmung nicht trügt, ein angenehmerer und bewussterer Mensch geworden. Und man kann auch Mantren singen während dem Windelwechseln 😉
Auffällig ist, dass ich früher, um eine gute Klasse zu unterrichten, davor selbst mindestens 1,5 Stunden üben musste. Heute koche ich, putze, füttere die Maus und unterrichte direkt danach eine Yin Klasse, die einen schönen Spirit und Tiefe hat. Es ist einfach da, ich muss es mir nicht mehr hart erkämpfen. Das ist sehr bereichernd und erfüllend.

Ranja Weis

Fotocredit: Ranja Weis 

Gibt es eine Asana, ohne die Du nicht leben kannst?

Ranja: Savasana, Minimum 10 Minuten.

Was ist Dein persönlichen Mantra “on” – “and-off-the-mat”?

Ranja: Das ändert sich ständig. Im Moment ist es “Schlaf wird überbewertet” 😉 Allerdings habe ich Schlaf noch nie so zu schätzen gewusst wie seit einem Jahr. Er ist nur seitdem sehr rar gesät. Auch wenn unsere Kleine mit fast einem Jahr schon mal 5 Stunden am Stück schläft, sind es oft nur 2 oder 3. Wenn ich nicht ausreichend schlafe, reichen schon Kleinigkeiten aus, mich aus der Balance zu bringen. Das geht wahrscheinlich fast allen so. Aber ich neige dann dazu Dramen zu kreieren und meinen Freunden auf die Nerven zu gehen. Das Mantra ist ein Versuch gegenzusteuern :))

Liebe Ranja, vielen Dank für Deine Zeit und alles Gute für Dich und Deine Familie! <3

Mehr über Ranja erfährst Du auf ihrer Homepage oder ihrem Facebook und Instagram-Profil.

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2 Replies to ““Trau Dich, zu Dir und Deinen Gefühlen zu stehen!” – Interview mit Yogalehrerin, Model & Mutter Ranja Weis”

  1. Was für eine tolle Frau! Vielen Dank für das ehrliche Interview <3

    1. Oh ja, da kann ich mich nur anschließen! <3 Liebe Grüße, Antje

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