Guru Baby – diese Yogaweisheiten habe ich erst durch mein Baby gelernt

Yogaweisheiten

Für Yogis ist auch die Philospophie, das Studieren der Schriften und die Auseinandersetzung mit den Weisheiten des Yogas ein wichtiger Pfeiler ihrer Praxis. 
Manchmal scheitere ich daran. Bei “Ahimsa” – Gewaltlosigkeit zum Beispiel.
Dank meiner Erfahrung von Schwangerschaft, Geburt und des Mamaseins habe ich die Yogaweisheiten jetzt noch auf eine andere Art und Weise kennen gelernt. So ist mein Baby zu meinem Guru geworden – Jai Guru Baby! 

1. Meine Yogapraxis hat ein Intention & diese ist nicht von Ehrgeiz bestimmt

In der Schwangerschaft hat sich meine Yogapraxis plötzlich um 180° gewendet – manchmal war mir sogar die Kindhaltung unbequem. Hier habe ich Dir schon davon erzählt. Meine Intention wurde jetzt also von den Bedürfnissen meines Körpers, also auch denen meines Babys bestimmt. Und das bedeutet, kein Power Yoga mehr, sondern Mediation und viel Japa – die Wiederholung eines Mantras. Etwas, dass ich wahrscheinlich ohne die Erfahrung der Schwangerschaft nicht gemacht hätte. Die Yogapraxis bekam durch diese neue Intention eine andere Qualität – ein bißchen wie das nächste Level zu erreichen.
Gleichzeitig musste ich auch damit leben, dass ich nicht so kraftvoll üben kann wie andere Yoginis. Das nimmt den Druck, den ich mir selbst gemacht habe, völlig raus. Es ist ja auch total beknackt sich ständig zu vergleichen – dabei zieht man meist eh den Kürzeren. Ich bin froh, dass mir die Erfahrung der Schwangerschaft, dies nicht nur bewusst gemacht hat. Denn “gewusst” habe ich es schon vorher – jetzt lebe ich auch danach. 

2. Mögen alle Lebewesen auf dieser Erde frei & glücklich sein – mein Baby, meine Schwiegermutter & Ich auch

Vor der Geburt meines Sohnes habe ich mit meinem Freund besprochen, wie wir uns die ersten Tage organisieren wollen. Wo der Hund untergebracht wird und solche Dinge. Und ich sagte ihm auch, dass ich in den ersten Tagen keinen Besuch bekommen will. 
Da war dann erstmal Stille. “Wie, Du willst keinen Besuch? Nicht mal Deine Eltern? Aber die wollen den Kleinen doch auch alle sehen?!” 
“Nein, ich will keinen Besuch auf der Wochenstation. Denn ich will einen guten Stillstart und will meine Ruhe und mich nicht zu irgendwas verpflichtet fühlen.” 
Leider lies ich mich dann doch bequatschen. Und so kam der Besuch. Und zwar immer genau dann, wenn ich meinen kleinen Unbekannten gerade zum Stillen angelegt hatte. Zusätzlich war ich auf der Wochenbettstation total unglücklich. Da hatte ich dann auch keine Lust meinen Besuch sonderlich freundlich zu empfangen. 
“Lokah Samastah Sukhino Bhavantu” – Mögen alle Lebewesen auf der Welt frei & Glücklich sein. Also auch ich und mein Baby.
Klar, kann ich im Leben versuchen, es allen Recht zu machen. 
Aber ich kann auch auf meine Gefühle und Wünsche hören – so dass ich, wie in dieser Situation, meine Gäste entspannt empfangen kann – ohne so für schlechte Stimmung und Familienknatsch zu sorgen. Das macht dann auch meine Schwiegermutter glücklich. 

3. Overcome your ego

Als ich mein Kind mit der letzten Presswehe auf die Welt gebracht habe, änderte sich plötzlich alles: Vorher war ich allein mit meinem Freund. Jetzt ist da dieses Wesen, dass meine Unterstützung benötigt – 24 Stunden am Tag.
Spontan mit den Mädels los ziehen, ein Glas Wein in der Badewanne, einfach lang ausschlafen und im Bett frühstücken – all´ das war bis zu diesem Moment kein Problem. Ich konnte selbst darüber bestimmen, was ich tun will und was nicht.
Jetzt jedoch dienen alle meine Handlungen nur noch einem höheren Ziel und alle meine Gedanken drehen sich um mein Baby.
Meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse habe ich noch nie im Leben so hintenangestellt. Es geht jetzt nicht nur darum, was ich will, haben möchte. Zu Beginn war das nicht einfach.

Im Yoga sprechen wir vom Ego, wenn wir “Ichbezogenheit” meinen. Wir handeln “egoistisch”, denken nur an uns und an die Dinge die wir haben, besitzen, können wollen. Mehr Macht, mehr Geld, mehr Schönheit…
Ein fortgeschrittener Yogi löst sich von diesem “Haben-wollen” und zerstört sein Ego. Seine Yogapraxis und all seine Handlungen dienen einem höheren Ziel.

“Passe dich an, richte dich aus, gib nach, ertrage Beleidigung, ertrage Verletzung.” (aus den Upanishaden)

Eine Mama stellt wohl meist ihre eigenen Bedürfnisse hinten an und kümmert sich häufig in erster Linie um die Brut.
Bist Du Mutter, “zerstört” sich Dein Ego also wie von selbst.

Auch wenn ich hier den Vergleich anstelle: eine völlige Selbstaufgabe als Mutter ist nicht notwendig, vor allem wenn es Dich erschöpft! Klar, ist unser Guru-Baby gerade der Mittelpunkt unserer Welt.
Aber: Finde Ausgleich, finde Raum für Dich und Deine Bedürfnisse und lass´ Dich dabei von Menschen unterstützen.

4. Atmen ist Yoga

Solange der Atem im Leibe wohnt, ist Leben da. Schwindet der Atem, so schwindet das Leben. Daher lenke Deinen Atem. (Hatha Yoga Pradipika)

Mit dem Atemzug eines Säuglings beginnt sein Leben in dieser Welt.
Im Yoga heißt es, ab diesem ersten Einatem stehen uns eine beschränkte Anzahl von Atemzügen zur Verfügung. 

Der Atem, der unser Anker ist, wenn es mal hektisch wird. Der Atem, der unsere Bewegungen in der Yogapraxis begleitet und der uns, wenn er völlig bewusst ist, in tiefe Meditation führen kann. Der Atem, der uns durch das Luftelement mit allen anderen Wesen verbindet. 

Mein Guru-Baby atmet wie selbstverständlich tief bis in den Bauchraum. Kein flacher, sondern ein ganz ruhiger tiefer Atem. Ohne, dass es ihm jemand beibringen müsste. Etwas das viele Erwachsene verlernt haben, ist für ihn das Natürlichste der Welt. 
So erinnert mich mein Baby immer wieder daran, dass der Atem der wichtigste Begleiter “on and off the mat” ist. 

Ein gestörter Atem führt zu einem gestörten Bewusstsein, ein regelmäßiger Atem zu einem ruhigen Bewusstsein. Die beiden gehen Hand in Hand. Darum legt der Yogi Wert auf einen regelmäßigen und ruhigen Atem – er beherrscht auf diese Weise sein Bewusstsein und verlängert damit sein Leben. (Hatha Yoga Pradipika)

5. Practice and all is coming

Dieses Zitat stammt von dem Ashtanga Pionier Sri K. Pattabhi Jois – Übe und alles kommt.
Jeder, der einem Kind dabei zugesehen hat wie es unermüdlich versucht die Welt für sich zu entdecken, muss von dieser Willenskraft und dem inneren Vertrauen in sich selbst begeistert sein.

Wie aus dem Nichts kommt der Drang nach Bewegung, die Umgebung mit allen Sinnen zu entdecken, zu be-greifen, zu erfahren. Einem inneren geheimnisvollen Plan folgend,  beginnt das Kind immer mehr mit seiner äußeren Welt in Kontakt zu treten. Zu Beginn steht das Folgen eines Gegenstands mit den Augen, bald darauf dann der Versuch den Gegenstand zu greifen. Immer mehr will das Kind nun sehen, haben und verstehen. Auch der eigenen Körper wird erforscht, genauso wie die Umwelt die das Kind erst auf allen vieren und bald dann auch laufend entdecken will. Dieser innere Drang, geboren aus dem natürlichen Interesse des Kindes, lässt das Kind Erfahrungen machen und bietet die Chance zu Lernen – auf natürliche und spielerische Art und Weise (ganz anders als im späteren Leben). 

Bei dem Versuch auf zwei Beinen zu stehen, macht das Kind immer wieder Erfahrung mit der Schwerkraft: Es fällt immer wieder hin und steht doch immer wieder unermüdlich auf. Niemals würde es nach wenigen Versuchen sagen “Ich kann es ja doch nicht” und aufgeben – denn es hat seinen inneren Plan und das innere Vertrauen in sich selbst. Die negativen Glaubenssätze, die in uns oft verankert sind, hat das Kind noch nicht gelernt.
Ich habe großen Respekt vor diesem inneren Plan und dem unermüdlichen Ausprobieren und Üben. So wird mein Kind zu meinem Vorbild, wenn ich, auf und abseits der Matte, mal wieder überzeugt bin, etwas nicht zu schaffen oder nicht zu können. Ich danke meinem Sohn dafür, dass er mich so viel lehrt – über die Welt und über mich Selbst. 

Hast Du auch etwas Besonderes durch Dein Kind gelernt? Welche Lektionen bekommst Du von Deinem Guru-Baby? 

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